Elli Makra
Kinostart 09.04.2009

Interview mit Aida Begic

Der Film beginnt mit einer Art Familienzusammenkunft. Man denkt zuerst, es handle sich um eine Familie und nicht um eine ganze Dorfgemeinschaft.
Irgendwie sind sie ja eine Familie. Bei den Recherchen habe ich viele Frauen kennengelernt, die ähnliche Schicksale durchleben. Unter sich verstehen sie sich am besten. Es ist schwierig, den Schmerz der andern zu fühlen. Meistens wollen wir ihn auch nicht spüren. Diese Menschen fühlen sich wohl untereinander, weil sie gemeinsame Erinnerungen haben und das Andenken und die Präsenz ihrer verschwundenen Nächsten aufrechterhalten können. Die Frauen kümmern sich auch um die Waisenkinder. Es verbinden sie enorm starke Bande. Ich denke, die Bedeutung der Familie und der Gemeinschaft hat in westlichen Gesellschaften stark abgenommen, während wir in Bosnien diese Werte noch bewahrt haben.

Die besondere Situation, in der die Frauen leben, führt dazu, dass sie sich vom patriarchalen Schema lösen.
Sie haben es sich nicht ausgesucht, nur unter Frauen zu leben. Die serbischen Tschetniks haben ihre Männer absichtlich getötet, um die Frauen sich selbst zu überlassen und ihre Leben zu zerstören. Das ist in vielen Kriegen üblich. Auf der andern Seite ist der patriarchale Geist noch immer präsent. Selbst wenn sie stark sind und alleine für ihren Lebensunterhalt sorgen können, ist es keine normale Gemeinschaft. Die Männer fehlen ihnen – wie ein Körper, dem eine Hand fehlt.

Wie haben Sie die Drehorte gefunden?
Wir haben während zwei Jahren gesucht, haben uns in ganz Bosnien umgesehen. Wir hatten nicht genügend Geld, um ein Dorf nachzubauen und die meisten bosnischen Dorfruinen sind vermint, es ist extrem gefährlich und also unmöglich, dort zu drehen. Schliesslich wurden wir im Osten fündig, in einer Gegend, die die schlimmste ethnische Säuberung und einen brutalen Genozid erlebt hat. Wir fanden dieses Dorf, das eine ähnliche Geschichte hatte wie die unsrige im Film, es war unglaublich, und dieser Realitätsbezug hat das Team getragen.

Sie betrachten viele Figuren, wie konnten Sie dabei das Risiko der Eindimensionalität umgehen?
Es gibt nicht eine einzige und richtige Erklärung der Nachkriegssituation in Bosnien. Die Situation ruft viele Fragen hervor und hat wenig Antworten parat. Unser Ziel war es also, die Probleme aufzuzeigen und die Möglichkeiten, in Bosnien zu leben. An einem einzigen Tag kann man durch völlige gegensätzliche Gefühle gehen. Am Morgen denkt man, man müsse dieses Land verlassen, weil alles so schrecklich ist, am Nachmittag realisiert man, dass man so stark verwurzelt ist, dass man nirgendwo anders leben könnte. Es ist sehr komplex und sehr kontrastreich. Diese Zerrissenheit trägt zu einer allgemeinen Anspannung bei. Jede Person in Bosnien könnte Thema des Filmes sein. Deshalb haben wir versucht, uns ernsthaft mit den Figuren auseinanderzusetzen und ihnen nicht nur eine Dimension zu geben. Ich verstehe zum Beispiel die Figur der Sabrina gut, die in einen Ausländer verliebt ist und diese Leere, die ihr Dorf darstellt, verlassen will. Auf der andern Seite verstehe ich auch Alma, die bleiben will, überzeugt davon, dass sie nicht ausserhalb finden wird, was ihr in der bosnischen Gemeinschaft so wichtig ist. Die Aussenwelt ist nicht einfach ein wunderbares Märchen, es ist sehr schwierig, ausserhalb seines Landes zu leben.

Alma, die Hauptfigur, regt die andern an zu bleiben und ihr Dorf wieder aufzubauen. Sie scheint Ihrem Gesichtspunkt als Regisseurin am nächsten zu stehen ...
Alma ist wie so viele Frauen, die vor dem Krieg jung geheiratet haben und nur ein oder zwei Jahre mit ihren Männern leben konnten, bevor der Krieg ausbrach und ihre Männer tötete. Sie sind noch sehr jung, bewahren ihre Liebe zum Verstorbenen, müssen aber gleichzeitig weiterleben. Sie leben in einer Gegenwart, in der Vergangenheit und Zukunft aufeinanderprallen. Alma ergeht es so, und sie ist stark genug, um zu glauben, dass ihre Träume wahr werden können. Hierin sind wir uns ähnlich, ich glaube auch, dass es in Bosnien viele schöne Dinge gibt und dass man, wenn man es richtig anpackt, aus unserem Land wirklich einen angenehmen Ort machen kann, wo ein normales Leben möglich ist. Aber es gibt viel zu tun und wir müssen vielen Versuchungen widerstehen. Snow ist auch eine Geschichte über die Globalisierung, weil wir alle, die wir in Europa leben, diesem Dilemma tagtäglich ausgesetzt sind. Sollen Sie ein Angebot annehmen, um die materielle Seite Ihres Lebens zu stabilisieren, dabei aber Ihre Seele verkaufen? Sollen Sie Ihre eigenen Träume leben, ganz im Wissen, dass sie sich in Albträume verwandeln könnten? Das sind Fragen, die sich heute jeder Europäer, ja jeder Weltbewohner stellt. In diesem Sinn bietet Almas Reaktion auf das Angebot der Männer eine mögliche Antwort auf die Frage, wie man seine Identität in der kapitalistischen, materialistischen und unerbittlichen Welt, in der wir leben, bewahren kann. Wenn wir dem nichts entgegenzusetzen haben, werden wir nur noch ein lächerliches Rädchen sein in einer stumpfen Maschine, die uns und alles, was dem Leben Sinn gibt, zerstören wird.

Warum wollen die zwei Serben das Dorf kaufen?
Das kommt in Bosnien jeden Tag vor. Bosnien ist ein idealer Ort, um europäisches oder internationales Geld zu waschen. Es gibt einen Schwarzmarkt, enorme Korruption und viele Ausländer, die in solche Machenschaften verwickelt sind. Andererseits weiss der Serbe, dass die Frauen Zeuginnen der Verbrechen im Dorf wurden. Selbst wenn niemand je entdeckt, dass er im Krieg mit Morden zu tun hatte, werden ihn diese Frauen immer daran erinnern. Seine versteckte Absicht ist also, sie loszuwerden. Das Programm der Rückführung der Einwohner in der heutigen Republik Srpska im Osten Bosniens, das vorsieht, im Krieg verjagte Moslems und Kroaten zu repatriieren, ist ein totaler Misserfolg. Sobald sie kommen, werden sie beschimpft, bedroht und verfolgt. Niemand will, dass sie zurückkehren.

Glauben Sie nicht an ein mögliches Zusammenleben der verschiedenen Gemeinschaften in dieser Gegend Bosniens?
Ich weiss nicht. Es ist zu hart. Es ist nicht einfach für die Frauen, an einen Ort wie Srbrenica zurückzukehren. Selbst wenn die ganze Welt anerkennt, dass ein Genozid stattgefunden hat, dass 10 000 Menschen an einem Tag getötet wurden. Selbst wenn Radovan Karadzic nun festgenommen wurde, andere wie Ratko Mladic sind weiterhin frei. Diese Kriegsverbrecher können frei herumspazieren und die Frauen können sie auf der Strasse wiedererkennen. Sie können Männern begegnen, die sie in den Lagern vergewaltigt und gefoltert haben. Einige von ihnen arbeiten sogar für die Polizei oder haben wichtige Posten bei der Regierung inne. Das gesamte System hindert die Frauen an einer Rückkehr.

Während des Sturms bricht eine Plane mit der Aufschrift UNHCR (UNFlüchtlingshochkommissariat) zusammen ... Welche Rolle hat Ihrer Ansicht nach die internationale Gemeinschaft 1997 gespielt, in jener Zeit, in der der Film handelt?
Die UN-Truppen haben gesehen, wie sich all diese Massaker vor ihren Augen abspielten. Sie wussten, was passierte, und haben nichts dagegen unternommen. In Srbrenica stand ein ganzes Bataillon und sah, wie die Serben mordeten. Es ist unmöglich, dass sie es nicht gesehen haben, weil sie aktiver Teil waren und ihnen durch ihre Passivität sogar geholfen haben. Ihre Verantwortung ist enorm - wie auch die Verantwortung der europäischen Regierungen, die etwas hätten tun können, um die dreieinhalb Jahre andauernde Aggression in Bosnien zu stoppen. Sie haben uns sterben sehen und nicht reagiert. Sogar François Mitterrand, der den Flughafen schliessen liess, nachdem er nach Sarajevo gekommen war. Sie haben uns einem Waffenembargo unterstellt, wir hatten keine Waffen und wurden zu freiem Jagdwild. Auch heute machen sie keine grosse Anstalten, um die Situation der immer noch frei herumlaufenden Kriegsverbrecher zu lösen. Das Den Haager Tribunal wirkt zuweilen lächerlich. Menschen, die 130 Menschen auf dem Gewissen haben, bekommen 10 Jahre und nach 7 Jahren sind sie wieder frei. Diese Ungerechtigkeit schafft keine gute Grundlage für eine gesunde Zukunft Europas, ebensowenig wie das Leben mit diesen Lügen und Täuschungen. Man kann nicht behaupten, die Frauen von Srbrenica hätte es gar nie gegeben und glauben, nach deren Tod werde alles besser. Es wird ein unauslöschlicher Tumor bleiben.

Sie sind Filmemacherin, Sie tragen ein Kopftuch, welche Bedeutung hat es für Sie?
Das ist ganz einfach mein persönlicher Werdegang. Ich kenne beide Erfahrungen, ich habe Filme mit und ohne Kopftuch gedreht. Keine der beiden Varianten ist für eine Frau wirklich haltbar. Tragen Sie kein Kopftuch, schaut Sie ein Grossteil des Teams, vor allem Männer, wie ein Stück Fleisch an. Tragen sie eines, werden Sie als rückständig betrachtet, als unterdrückt, sie denken, es sei der Ehemann, der es verlange oder jemand habe Sie dafür bezahlt. Sie unterminieren sofort Ihre Persönlichkeit und akzeptieren nicht, dass es Ihre freie Wahl war. Es ist für eine Filmcrew schwierig zu akzeptieren, dass ihr Chef eine Frau ist, die ein Kopftuch trägt, denn der Platz jener Frauen ist am Herd, unterwürfig, schweigsam. Das ist ein Stereotyp und ein Vorurteil gegenüber muslimischen Frauen. Es ist auch eine Propaganda, die versucht, muslimische Frauen als unterdrückt, zurückgeblieben, dumm und rechtlos darzustellen. Aber das stimmt nicht, es gibt zahlreiche Fälle von misshandelten Frauen, völlig unabhängig von der Glaubensrichtung.

Das bosnische Kino ist eher ein eng begrenzter Kreis. Wie positionieren Sie sich gegenüber andern bosnischen FilmemacherInnen?
Snow ist der einzige Film, der letztes Jahr in Bosnien produziert wurde. Es entstehen zwar nur wenige Filme, aber darunter sind sehr schöne und erfolgreiche. Der Erfolg meiner KollegInnen hilft mir viel bei der Präsentation in Cannes und der Grosse Preis der Kritikerwoche hilft wiederum ihnen. Wir sind eine kleine Gemeinschaft in Sarajevo und funktionieren eigentlich sehr gut. Es wird sehr wenig staatliches Geld für die verschiedenen Projekte gesprochen. Wir kennen uns, unterhalten uns über unsere Projekte, arbeiten zusammen. Mein erster Assistent war ein Studienkollege, er dreht jetzt einen Kurzfilm. Ich kenne auch kroatische und serbische FilmemacherInnen, deren Arbeit ich sehr schätze. Wir sprechen von denselben regionalen Herausforderungen und wir machen auch Koproduktionen. Die Laborarbeiten zu meinem letzten Kurzfilm beispielsweise wurden in Kroatien gemacht. In den Drehteams sind auch Serben, in meinem Film war die Kostümbildnerin Slowenin. Wir kooperieren alle.


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